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Das Chaos der Gefühle

Phasen und Formen der Trauer
Wer trauert, stürzt in ein Chaos der Gefühle. Jeder Mensch trauert anders. Dennoch gibt es bestimmte Muster und Verhaltensweisen, die sich ähneln. Der so genannte Trauermonat November zählt mit Allerheiligen, Allerseelen, dem Volkstrauertag und dem Totensonntag vier Gedenktage, an denen sich viele Menschen besonders intensiv an die Personen erinnern, um die sie trauern. Das ist gut und wichtig. Doch im wirklichen Leben hat die Trauer keinen Terminplan. Sie lässt sich nicht auf bestimmte Tage beschränken. Jeden Tag trauern Menschen, auch ganz in unserer Nähe. Viele trauern Monate und Jahre, manche ihr ganzes Leben lang.
Trauer kann Menschen so tief erschüttern, dass sich ihr Leben völlig verdunkelt und sie selbst sterben möchten. Das Ausmaß der Trauer hängt von der Tiefe der Liebe und gegenseitigen Bindung ab, die dem Verlust vorausging. Es macht einen Unterschied, ob ein Bekannter stirbt, ein Kollege, ein Freund, ein naher oder entfernter Angehöriger. Wer Bruder oder Schwester, Vater oder Mutter verliert, wird den Tod in der Regel als sehr schmerzlich erfahren. Die stärkste Form der Trauer wird nach Erkenntnissen von Psychologen und Psychotherapeuten durch den Tod eines Kindes oder des Lebenspartners ausgelöst.

Wer einen langjährigen Partner verliert, mit dem er eine gemeinsame Vergangenheit hatte und eine gemeinsame Zukunft plante, kann nicht einfach zur Normalität zurückkehren. Die Normalität existiert für ihn nicht mehr. Das Leben zerbricht in zwei Teile: die eigene Einsamkeit, Angst, Wut und Verzweiflung -- und das ganz normale Leben auf der Straße, das davon nichts weiß und nichts wissen will. Die Welt erscheint als Puzzle, in dem die entscheidenden Teile verloren gegangen sind: Nichts passt mehr zusammen. Mit dem Verlust der geliebten Person, des Mittelpunkts der eigenen Welt, macht der Rest der Welt kaum noch Sinn. Und das oft für sehr lange Zeit.


Trauer als emotionaler Stress

Die Trauer ist ein fremdes Land. Viele finden sich nicht in ihm zurecht und verstehen seine Sprache nicht. Sie können das, was sie wahrnehmen, oft nicht in Worte fassen, sondern nur in Bildern ausdrücken. „Es war, wie ein heißes Gefäß in der Hand zu halten, an dem man sich verbrennt. Aber ich konnte es nirgends hinstellen, es nirgends loswerden“, erinnert sich eine Mutter, deren Tochter bei einem Autounfall ums Leben kam. Ihre Erschütterung nach dem Tod ihres Mannes beschreibt eine Frau mit den Worten: „Wenn der Partner stirbt, ist das Entsetzen so groß, dass nichts außer dem existiert. Es ist ein grauenvolles Entsetzen, man begreift überhaupt nichts mehr.“ Trauer ist eine seelische Erschütterung, die nicht einfach vorübergeht, ohne Spuren zu hinterlassen. Die Trauer um eine geliebte Person verwundet die Seele und kann auch der körperlichen Gesundheit Schaden zufügen.

Tiefe Trauer schwächt das Immunsystem und erhöht so das Risiko, krank zu werden. Trauer verstärkt die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten. Zwischen Stress und verschiedenen Erkrankungen besteht oft ein Zusammenhang. Der Tod eines Ehepartners, eines Kindes oder einer anderen engen Bezugsperson verursacht den größten emotionalen Stress überhaupt. Zu den Symptomen, die bei Trauernden verstärkt auftreten können, zählen Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, nächtliches Zähneknirschen aufgrund unbewältigten Kummers, Alkoholmissbrauch und anderes Suchtverhalten, Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln und depressive Stimmungen, die in chronische Depression übergehen können. Deshalb ist es wichtig, sich der Trauer zu stellen, da verdrängtes Leid viele Symptome verschlimmern kann.


Die vier Phasen der Trauer

Wer trauert, geht durch ein Wechselbad der Gefühle. Dazu zählen Traurigkeit, Verzweiflung, Sehnsucht. Schock und Wut über die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit. Wut auf Gott und die Welt, die von diesem  Tod unberührt scheint. Das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein. Die Suche nach einem Schuldigen am Tod des geliebten Menschen. Das Gefühl, durch eigenes Verhalten und Versäumnisse am Tod mitschuldig zu sein. Das Baden in einem Meer der Erinnerungen, das plötzlich einer gähnenden Leere weicht. Albträume und Schlaflosigkeit. Und die Angst – vor dem Alleinsein, vor der Nacht und vor dem nächsten Tag. Psychologen und Therapeuten,  die  trauernde Menschen durch ihren Schmerz begleiten, haben versucht, Ordnung in dieses Chaos der Gefühle zu bringen und ein System des Trauerverlaufs zu entwerfen. Zu den Pionieren auf diesem Gebiet zählen John Bowlby und Colin Murray Parkes, die die Trauer in Phasen gliederten. Die Konzepte wurden von vielen Trauerforschern ergänzt und variiert. Oft wird von einem Vier-Phasen-Modell der Trauer gesprochen:
 
  • Erste Phase: Unmittelbar nach dem Tod werden Trauernde von Schock und Lähmung erfasst. Es ist die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens, die Stunden, aber auch Tage dauern kann. Alles erscheint Trauernden wie ein böser Traum. Der Verstand weiß  zwar,  was  passiert ist, aber das Herz kann es nicht begreifen.
  • Zweite Phase: Nach dem ersten Schock, oft auch erst nach der Beerdigung, brechen  die  Emotionen unkontrolliert hervor. Der Verlust wird erst jetzt, nachdem wieder Stille eingekehrt ist, richtig bewusst. Es ist eine Zeit der Unruhe und Erschöpfung, der Traurigkeit, Verzweiflung und Depression.
  • Dritte Phase: Trauernde ziehen sich zurück, werden apathisch. Viele suchen die Nähe vertrauter Menschen, um nicht völlig den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Auseinandersetzung mit dem Verlust und die Suche nach Antworten für das Unerklärliche beginnen. Diese Phase kann lange dauern, manchmal mehrere Jahre.             
  • Vierte Phase: Trauernde haben den tiefsten Schmerz überstanden. Sie versuchen, den Verlust  in ihr Leben zu integrieren und sich wieder in der Welt zurechtzufinden. Es ist eine Zeit der Neuorientierung, der Suche nach Wegen, die ein Weiterleben ermöglichen.
Die Versuche, den Trauerverlauf zu gliedern, beruhen auf umfangreichen Studien und Erfahrungswerten. Sie beschreiben die Trauer oft treffend, aber sie treffen nicht auf jeden zu. Manche mögen ihre Gefühle in diesen Phasen deutlich wiedererkennen, andere weniger. Jeder Mensch trauert anders, denn Trauer ist die Frucht einer sehr intimen Beziehung zu einem Menschen und eines ganz persönlichen Verlusts. „Gefühle lassen sich nun einmal nicht in Schablonen und Muster pressen“, meint der Trauerforscher Jorgos Canacakis. Trauer kostet Kraft, doch gibt es keine „Trauerarbeit“, die nach einem bestimmten Plan oder Muster zu erledigen wäre. Keine Phasen, die in einer bestimmten Reihenfolge durchlaufen werden müssten. Dennoch ist der wissenschaftliche Versuch, eine Ordnung in dem Chaos der Gefühle zu entdecken, richtig und hilfreich. Gerade Trauernde können so erkennen, dass sie sich auf einem Weg befinden – und nicht am Ende des Weges, wie sie in ihrem Schmerz vielleicht glauben.
 
Trauer ist oft ein langer Weg. Doch auch diejenigen, für die er besonders beschwerlich ist, merken irgendwann, dass sie weiterleben, überleben. Heilt die Wunde der Trauer? Sicher nicht so, dass nichts mehr zu sehen ist. Im besten Fall  verschwindet  der Schmerz. Aber eine Narbe bleibt. Manche Therapeuten sprechen von einem „erfolgreichen Trauerverlauf“. Ein unglücklicher Begriff, denn bei der Trauer geht es nicht um Erfolg oder Misserfolg. Es gibt nur unterschiedliche Arten, das Schwierige zu bestehen. Am Ende der Trauer steht auf keinen Fall das Vergessen. Sondern ein Weg, der es Trauernden erlaubt, mit den Erinnerungen zu leben.